Presse für Diskurs

 


1. Kölner Theaterzeitung AKT (Kritik)

2. Coolibri Magazin (Bochum - Kritik & Interview)

3. Tagesspiegel zu 100grad (Kritik)





1. Aus Kölner Theaterzeitung AKT (Nov 2012)




Theater als Espresso-Maschine


Das neue Festival TransFusionen in der studiobühne hat sich zur

Aufgabe gemacht, Köln zum Treffpunkt nationaler und internationaler

Theaterschaffender zu machen. Zu Gast: "Darf ich deinen Diskurs mal in

den Mund nehmen - Geborgenheit üben reloaded" aus Berlin und der

englische Künstler Michael Pinchbeck, der bei TransFusionen zum

letzten Mal überhaupt auf der Bühne steht.

TransFusionen, so heißt der Zugang, der gelegt werden muss, um etwas vom anderen

aufzunehmen. Also: Austausch. Der war das Ziel des neuen Festivals an der studiobühnekoÅNln:

Gastspiele von außerhalb einzuladen, die in fünf Tagen sowohl einen Austausch zwischen den

Gruppen als auch mit der Kölner Theaterszene ermöglichen. Die Workshops zwischen den

Performances sind gut besucht. Der Workshop "Wie: Diskurse in den Mund nehmen?" von Malte

Schlösser und Ensemble fordert die Teilnehmer dazu auf, in kleinen Gruppen die sehr

theorielastigen Stücktexte auf eigene Weise zu performen, mit Requisiten von der Bühne: etwa

Pferdekopf- Masken oder rote Umhänge. Wie theatralisiert man so einen sachlichen Text- und was

hat er mit mir zu tun? Wenn man diese spannende Frage gut für sich beantwortet, kommt auf der

Bühne etwas Interessantes heraus, lernen wir. Auch "Devising Theatre: Working towards The End"

von Pinchbeck stürzt die Teilnehmer mitten in die Bühnenarbeit. Die Aufgabe: mit den Anderen

nur durch Bewegung in Beziehung treten. Oder: seinen Charakter aus seiner Unterschrift lesen

(meiner: scheinbar stabil, aber bereit zu Schnörkeln) - und anschließend darstellen. Immer wieder

fordert Pinchbeck die Teilnehmer auf, zu hinterfragen, wo die Grenze verläuft zwischen ihren

"echten" Identitäten und der Rolle, die sie (im Leben oder auf der Bühne) spielen. Das ist wie

Selbsterfahrung oder Körpertherapie.


"This is the last stage I stand on"


Diese Frage steht auch im Zentrum seiner

Arbeit "The-End" - die zugleich (sagt er)

Pinchbecks letzte Arbeit sein wird. Kein

klassisches Stück, sondern Meta-Theater: Muss

man wissen, wer der Mensch unter dem

Kostüm ist? Pinchbeck sagt ja. Dafür bedient er

sich bei Shakespeare, sein"Protégé" Ollie Smith

wird im Plüschkostüm zum Bären

des"Wintermärchens". Smith muss rennen und

tanzen, ("Bärensind zum Tanzen da!"), bis er

real zusammen bricht: Theaterist dann gut,

wenn die Grenze zwischen Rolle und Darsteller nicht mehr existiert.


"Du Reclamheft!"


"Kann ich deinen Diskurs mal in den Mund nehmen?" hingegen ist tiefschwarze Kapitalismus- und

Gesellschaftskritik, verkleidet als vulgäres Glitzerspektakel und zynisch witzig. Vor lauter

Schimpfwörtern und Slapstick fällt es fast nicht mehr auf, dass man sich mitten in einer politisch

wichtigen Arbeit befindet, die den Druck thematisiert, dem man als freier Künstler ausgeliefert ist:

Immer sexy, kreativ und bloß nicht langweilig wie ein Reclamheft zu sein. Malte Schlösser

thematisiert die Durch-Ökonomisierung der vermeintlich künstlerisch freien Szene, die den

Menschen dahinter vollkommen übergeht.


Bitte mehr davon


Beide Produktionen hinterfragen sich selbst und das Theater massiv, lassen also eine Meta-Ebene

einfließen, die das eigene Tun reflektiert und die Essenz wie "in einer Espressomaschine" (so

Pinchbeck) auf die Bühne bringt - und in der sich die Schauspieler öffentlich, verfügbar, und in

gewisser Weise auch verletzlich machen. Das hinterlässt einen Beigeschmack von Voyeurismus auf

der einen Seite und weckt das Bedürfnis, sich selbst auch in seinen "Lebensrollen" zu hinterfragen.

Und könnte nicht ein wenig mehr theatralische Selbstreflexion des eigenen Tuns auch manchem

Kölner Theaterschaffenden kreativen Input geben? TransFusionenI hat das Zeug, sich zum

Impulsgeber zu entwickeln.


GINA NICOLINI



Online Version des Artikels





2.


coolibri blogbird - Publiziert am 6. Juni 2011



Von Büchner bis Pollesch – Vier Tage Theater beim megaFon-Festival

Von Chantal Stauder



„Ich bin Drama“ – Malte Schlösser sorgte mit seiner Inszenierung für Zündstoff auf dem diesjährigen Bochumer Theaterfestival megaFon. Einmal im Jahr vergessen die Studierenden der Ruhr-Universität den täglichen Scheinerwerb und machen sich stattdessen daran, das megaFon-Festival zu organisieren. Egal, ob Musikperformances, Installationen oder Tanztheater. Vier Tage brachten sie ein vielfältiges Programm in die Innenstadt Bochums. Anders war in diesem Jahr allerdings, dass die Inszenierungen in Räumen stattfinden sollten, die eigentlich keine Theaterräume sind. Das Team musste diese Orte für die verschiedensten Projekte der Künstler aus Deutschland, Österreich und Riga bespielbar machen. Aber auch die Künstler legten ihren Fokus auf die Auseinandersetzung mit dem Raum und sorgten beim Festival für kreative Vielfalt. Einer der für besonders angeregte Diskussionen sorgte war der Regisseur Malte Schlösser („Kann ich deinen Diskurs mal in den Mund nehmen?“). Im Interview erklärt Schlösser, was Theorie im Theater leisten kann und erzählt, warum man René Pollesch kreuzigen muss, um ihn zu gewinnen.

...

„Kann ich deinen Diskurs mal in den Mund nehmen?“

Der letzte Festivaltag sorgte für reichlich Diskussionsstoff. Auch das anschließende Publikumsgespräch geriet spitzfindig und wenig zimperlich. Denn mit seinem Beitrag setzte sich Malte Schlösser gravierend vom bisher Gezeigten ab. Schon der Titel der Inszenierung „Kann ich deinen Diskurs mal in den Mund nehmen“ entpuppte sich als treffender Vorgeschmack auf das Machwerk des Berliners. So ein Diskurs liegt immerhin nicht als fassbare Einheit auf der Straße. In der Art, wie sich Menschen ihr Sein zu denken geben, lässt er sich aber durchaus vorfinden. Und Schlösser greift sich, was er kriegen kann, formt ironische Brüche und verliert bei all dem nie die Relevanz und Ernsthaftigkeit seiner Fragen aus dem Blick.

„Du Reclam-Heft, du!“

Sofern sich sagen lässt, dass René Pollesch für Diskurstheater und Schlingensief für konkrete Handlungsansätze stehen, kann Schlössers Inszenierung als konkrete Weiterentwicklung dieser beiden Großmeister des deutschsprachigen Theaters verstanden werden. Er verweilt nicht bei einer schlichten Kopie, sondern unternimmt den Versuch, im Outfit der Vordenker das Eigene zu entwickeln, um es im Allgemeinen unterzubringen. Nicht nur der Stil des Textes und die Arbeitsweise durchschritten mannigfaltige Gedankendimensionen und verschiedenste Themenebenen. Auch die dargebotenen Bilder und der vorrangig theoretische Ansatz der Inszenierung stachen aus dem Gros der bisherigen Inszenierungen des Festivalprogramms heraus.

Es war aber nicht zuletzt die hervorragende schauspielerische Leistung des Mimen-Teams (Bastian Sierich, Lisa Diringer, Simone Jaeger und Vera Molitor), die unverkennbar den Eindruck erzeugte, dass die Crew erheblich an der Grenze zur Professionalität kratzt. Schlösser schoss ein wahres Gedankenfeuerwerk ab und berührte sowohl aktuelle Lebensfragen als auch universell-menschliche Probleme. Dieser junge Regisseur produzierte originelle und wirkungsvolle Bilder, erarbeitete stimmige Rhythmen und verlor sich dabei nicht im Klamauk. Das Schauspiel strotzte vor gut platzierten Brüchen und erzeugte den nötigen Flow für das zugrunde liegende Theoriekonzept. Die Schauspieler entwickelten eine mitreißende Spielfreude, bewiesen ein Gespür für Timing und überzeugten durch ungeheure Präsenz.

Das Ende der Erlösungsphantasie

Schlösser enttarnte die alltäglichen Täuschungsstrategien, räumte Raum ein für die spezifischen Probleme prekarisierten Lebens und verweilte dabei nicht in der Pose lethargischer Betroffenheit. Er legt den Finger in die Wunden, die er findet und verzichtet darauf, den Problemen mit Heilsversprechen beizukommen. Er nimmt Bezug auf das allgegenwärtige Ensemble der Erlösungsphantasien und demontiert diese, bis er die nackten Bedingungen des menschlichen Daseins freigelegt hat. Am Ende liegt auch der riesige hölzerne Schriftzug „Semiokapitalismus“ frei. Das Bühnenbild von York Landgraf zeigt, die Ökonomie der Zeichen versteckt sich hinter den vordergründigen Verschleierungen und ist einfach nicht weg zu kriegen.

„Scheiße bin ich verfügbar“

Nicht nur das Theater, wir alle sind Patienten und mit seiner Inszenierung führte Schlösser eine OP am offenen Herzen durch, die nicht rettet, aber vielleicht lebensnotwendig ist. Er schenkte seinem Publikum surreale Momente und setzte Angebote statt Anweisungen. Inhaltlich bewegte er sich dabei in den Zwischenräumen der großen existenziellen Fragen und stellte nebenbei die Lebensstrategien von Kunst- und Kulturschaffenden in Frage. Immer wieder lautete die Losung des Abends: Nieder mit dem Surrogat im Kreativ-Camp des Lebens. Immer wieder gibt es Verweise auf Doku-Theater. Dabei sind sowohl die „Gesten zweckvoller Härte“ als auch „Nazi-Kalkulier-Vernunft“ Gegenstand der Kritik. Die Inszenierung zeigte dabei anschaulich, was passiert, wenn das symbolische Kapital zum herrschenden Prinzip von Abgrenzung und Ausschluss wird. Der Text bewegte sich auf einem äußerst komplexen Sprachniveau, so dass angesichts des Sprechtempos viel des semantischen Gehalts verloren ging. Der Gewinn für das Publikum wäre an dieser Stelle sicher noch um einiges größer geraten, hätte Schlösser hier ein bisschen Speed und Komplexität herausgenommen. Nur in dieser Hinsicht verpasste er es, auch die eigene Herangehensweise ironisch zu brechen.

„Man muss Pollesch kreuzigen, um ihn zu gewinnen.“

Sowohl Text als auch Regie des Stücks „Kann ich deinen Diskurs mal in den Mund nehmen?“ gehen auf Schlössers Konto. Er arbeitete u.a.als Regie-Assistent bei Christoph Schlingensief und Frank Castorf an der Volksbühne Berlin. Mit seinem Stück orientierte er sich unverkennbar an den Arbeiten von René Pollesch, löste sich jedoch auf eigene Weise von seinem Vorbild und lieferte damit die wohl spannendste Inszenierung des gesamten Festivals.


Interview

Warum habt ihr euch mit eurer Inszenierung beim Megafon-Festival beworben? Gab es einen bestimmten Grund?

Malte Schlösser: Nein. Wir haben von der Ausschreibung gehört und uns wie viele andere beworben. Wir wollen in erster Linie, dass die Leute das sehen. Also Aufmerksamkeit. Auch ökonomische. Wir haben aber auch Spaß an und Lust auf Festivals und das ganze Drumherum. Diskussionen, Interviews und so weiter.

Wie viele Stücke hast du denn bisher inszeniert?

Vier. Bei den letzten beiden habe ich den Text selbst geschrieben. Beim ersten haben wir einen Text von Julia Franck genommen. Beim zweiten Schnipsel von Michel Houellebecq und Albert Camus. Da habe ich die Sätze herausgenommen, die ich für relevant hielt. Heute läuft`s ähnlich. Viel lese ich mir an und führe das dann aus und weiter. Das aktuelle Stück „Kann ich deinen Diskurs mal in den Mund nehmen?“ wird jetzt beim megaFon-Festival zum dritten Mal gezeigt.

Gibt es bei dir Wünsche für eine potentielle Zusammenarbeit?

Natürlich würde ich gerne mal an bestimmten größeren Theatern arbeiten. Es ist dabei aber immer spannend, sich nicht nur auf die Professionalität zu stützen. Von beiden Seiten kann man da viel lernen.

Wie groß ist eure Crew?

Eigentlich sind wir zu siebt, streng zu neunt. Dieses Mal sind wir allerdings ohne Bühnenbildner angereist.

Ihr bekommt alle kein Geld für das, was ihr macht?

Erst einmal nicht wirklich, nein. Das ist ein heikles Thema. Der Glaube daran, weiter zu machen ist gewissermaßen mit einem Versprechen verbunden, das nicht eingelöst wird, weil es davon lebt, dass es sich nicht einlöst.

Kennt ihr Leute, bei denen dieses Versprechen eingelöst wurde?

Kaum. Vielleicht ein Fünftel. So ist das meistens in solchen Berufen. Berlin ist da auch Vorreiter was die Prekarisierung betrifft. Natürlich auch kulturpolitisch.

Auf welchen Werdegang blickst du zurück?

Ich habe Philosophie studiert. Aber auch Soziologie und Religionswissenschaft und bin dann irgendwann ans Theater gekommen.

Aber du hast zusätzlich noch eine therapeutische Ausbildungsrichtung eingeschlagen?

Ja, parallel. Das Studium war mir einfach zu elfenbeinturmmäßig. Die akademische Laufbahn, das System Philosophie zu abgekapselt. Unsinnlich. Da ist die therapeutische Schiene schon eine lebenspraktischere Alternative. Auch finanziell. Es ist sicherlich auch ein gefragter Beruf, weil sich hier leichter Geld verdienen lässt.

Was bedeuten dir Theater und Therapie jeweils?

Theater und Therapie sind für mich symbolische Räume, die letztlich etwas Reales kreieren. Theater mehr gesellschaftlich und Therapie auf einer individuelleren Ebene. Für mich ist auch eine wichtige Frage, wie sich beide ergänzen. Beide sind provokant, intensiv, idealistisch, ungewohnt und sensibel. Man kann mit ihnen morden, seinen Vater (also ungeliebte Traditionen) umbringen. Zwar nur symbolisch, aber es hat dennoch reale Auswirkungen auf das Leben.

Wie bist du dann letztlich zum Theater gekommen?

Über lauter Zufälle. Auch dass ich irgendwann bei Schlingensief gelandet bin. Ich weiß nicht, ob das jetzt so interessant ist.

Unbedingt.

Nach dem Studium bin ich zum Hebbel-Theater gekommen. Dort war eine Assistentenstelle frei. Schon während des Studiums lernt man entsprechende Leute kennen und über die Beziehungen und Leute gelangt man dann recht schnell ans Theater. Nach zwei Produktionen bin ich dann bei Schlingensief gelandet und kam dann zur Volksbühne zu Castorf.

Du warst dann Regie-Assistent bei Christoph Schlingensief und Frank Castorf an der Volksbühne Berlin. Was sagt das über dich aus?

Erst einmal nicht so viel. Vielleicht sagt es etwas darüber aus, wofür ich mich interessiert habe. Also eher passiv. Weniger verrät es aber etwas über aktive Anteile, wie das Können etwa.

Schon der Titel deiner Inszenierung deutet eine gewisse Theorienähe an. Täuscht der Eindruck?

Nein, es ist schon sehr theorielastig und stark geprägt von René Pollesch. Weil er es war, der eine Diskurstheaterform ins Theater eingebracht hat. Er hat etwas Geniales etabliert. Ich denke, dass Theorien häufig eine sehr viel höhere Relevanz besitzen können als meinetwegen ein Shakespeare-Text. Ich schaue viel häufiger noch einmal in einem wissenschaftlichen Buch nach als in einem Roman.

Wie meinst du das?

Theorien setzen wir um in die Lebenspraxis, im alltäglichen, sinnlichen Lebenskampf. Deswegen sage ich: Pollesch muss man kreuzigen, um ihn zu gewinnen. Und das sage ich in hoher Anerkennung. Rein formal bin ich ihm dankbar, weil er es geschafft hat, Theorie ins Theater zu bringen. Und an dem Punkt knüpfe ich an. Was ich vermisse, ist: Für mein Leben muss ich wissen , wie man etwas machen kann. Wie es zum Beispiel aussehen kann, wenn jemand weint. Dabei ist es erst einmal egal, ob das authentisch ist. Ich vermisse bei Pollesch ein Stück weit eine Subjektivierungsmaßnahme, die ich greifen kann. Konkrete Handlungsanweisungen, die natürlich auch falsch sein dürfen. Angebote. Da knüpfe ich dann auch wieder an Schlingensief an. Denn die hat er stark eingebracht. Das sind Vorbilder. Daran arbeite ich mich ab. Hinweise, die es irgendwo gibt, nehme ich auf.

Immer wieder klagen Theaterkritiker über verkopftes Regie-Theater. Zurecht?

Wie gesagt, unsere Lebenspraxis ist sehr geprägt von Theorien. Medien, Bücher. Es gibt sogar eine eigene Bestsellerliste für den Sachbuchbereich. Mit Theorietheater bestätigen wir eine Lebenspraxis, die versucht, sich an Theorien zu orientieren. Es ist viel anstrengender, alte Romantexte zu lesen und auf mein Leben anzuwenden. Wenn man das Gefühl hat, dass eine Inszenierung zu verkopft ist, dann hat das meist nichts mit Theorie, sondern mit der Dramaturgie zu tun.

Online-Version des vollständigen Artikels






3.  


Schnitzeljagd durchs Diskursterrain

Integrationsdebatte als Performance: das „100 Grad“-Theaterfestival in Berlin


Noch bevor es richtig losgeht, steht einer aus dem Publikum auf und beginnt eine wirre, kaum zu bremsende Suada. Die ganze Islam- und Integrationsdebatte der jüngeren Vergangenheit hat sich in seinem Kopf zu einem explosiven Meinungsgebrodel vermengt: „Es gibt eine beispiellose Hetze gegen das größte Politiktalent seit 1933“, schreit der Mann mit Blick auf Sarrazin. Und: „Kennen Sie Sarah Palin? Wir brauchen eine Tea-Party-Bewegung für Deutschland!“ Die Schauspieler des Stückes „Weißbrotmusik“ versuchen ihn zu beschwichtigen, unter den Zuschauern kommt Unruhe auf.

Das ist doch mal heiteres politisches Theater – die Szene ist täuschend gut inszeniert.

Und ein schöner Auftakt des achten „100 Grad Berlin“-Festivals, dieser viertägigen Marathon-Schau der Freien Szene im Hebbel am Ufer und in den Sophiensälen. „Weißbrotmusik“ (Regie im HAU: Nick Hartnagel) stammt von der jungen UdK-Absolventin Marianna Salzmann und erzählt von muslimischen und jüdischen Jugendlichen, die mit Religion nichts am Hut haben, aber sich aus dem Kontext der hysterischen Zuschreibungen nicht befreien können. Klar, die Autorin ist längst vom Stadttheater entdeckt worden. Aber im besten „100 Grad“-Fall ist die Kategorisierung nach Freie Szene oder Subventionsbühne sowieso egal.

Talu Emre Tüntas besitzt ähnliche Theaterkraft. Er liefert die Punk-Variante der Migrations-Musik, „Blanca Terror“ heißt seine Inszenierung im Foyer des HAU 2. Mit der Kettensägen-Wucht von „La Fura dels Baus“ fegen seine Spieler unter die Zuschauer und lassen den ganzen Missklang des Muslim-Terror-Boheis in einer radikalpoetischen Performance detonieren. Auf dem Mehringplatz unweit des HAU nähern sich ein paar Kindern mit Migrationshintergrund. Ein Junge fragt, ob er bitte den MP3-Player und die Kopfhörer haben könnte, mit denen man von der Gruppe „Invisible Playground“ ausstaffiert wurde. Tja, leider nein. „Warum nicht? Nur weil ich Ausländer bin? Du Nazi!“, ruft das Kind.

Herrlich, wenn Inszenierung und Wirklichkeit ihre Trennschärfe verlieren. Was bei „Invisible Playground“ durchaus Teil des Konzepts ist. Das Kollektiv veranstaltet so genannte Street-Games. Schnitzeljagd-mäßig bewegt man sich in Gruppen durch das urbane Meer der Spielplatz-Möglichkeiten, kämpft nach Ninja-Art gegeneinander, muss sich im Rhythmus der Kopfhörer-Beats und nach bestimmten Regeln aneinander vorbei bewegen. Ein großer Spaß.

Angesichts der überbordenden Gleichzeitigkeit von bis zu sechs parallelen Stücken oder Aktionen kann man auf dem „100 Grad“-Festival zwar nur begrenzt Trends ausmachen. Aber die Metamorphose vom Spiel zum Game ist auf jeden Fall eine der interessanteren Erscheinungen in diesem Jahr. Die Gruppe „machina eX“ bringt Point-&-Click-Adventures auf die Bühne, Computerspiele also, bei denen man Rätsel lösen muss, damit die Handlung vorangeht. In der sehr originellen, lebensechten Interaktions-Variante soll man helfen, einen Professor zu retten, an dem eine Zeitbombe tickt – die Performer bewegen sich nach Bildschirm-Art nur dann weiter, wenn man als Gruppe im Labor-Setting der Bühne bestimmte Aufgaben geknackt hat.

Ansonsten, soweit überblickbar: kein schlechter Jahrgang. Malte Schlösser zeigt in den Sophiensälen einen Work-in-Progress-Abend unter dem Titel „Kann ich deinen Diskurs mal in den Mund nehmen?“, der ein sehr Réne-Pollesch-haftes Unbehagen am Verabredungstheater formuliert. Andernorts erzählen zwei Ernst-Busch-Studenten völlig unbeeindruckt davon eine illusionsgläubige Liebesgeschichte auf dem Tandem („Lärm ist das Geräusch der anderen“). Das Schöne: Man muss das alles nicht gegeneinander ausspielen. Es gilt nur, was der Schauspieler Fabian Hinrichs so treffend sagte: „Wie überhaupt im Leben merkt man nach spätestens fünf Minuten, ob es gut ist oder nicht.“

Online-Version dieses Artikels



















   --> Zurück zur Diskurs Seite