Der Erfolg des Lebens und der Kunst ist durch kein Können, kein Wissen, keine gesellschaftlichen Privilegien garantiert, auch nicht durch Authentizität, keine Nähe zum Wahren oder Wirklichen. Der Druck ist enorm, steigt mit jeder neuen Lebenserfahrung, mit jedem Scheitern und jedem Erfolg, und dem Winken des Beutegreifers Tod, der immer sein Botschaften des Gelingens und der Verletzlichkeit winkt. Wir sind der kultur- und lebensökonomischen Logik hilflos ausgeliefert und haben Angst, die notwendig aus Freiheit entsteht, die sie selbst ist.

(Lebens-) Kunst ist Kitsch, weil es Gewerbe ist, Nicht-Kunst bleibt aber leer und macht depressiv, daher müssen wir dieses Dazwischen als Ready-Made ausstellen, herauskramen, was bleibt uns auch übrig, unsere Erfahrungen haben ein Recht auf uns, auf unser geübtes Leben im Dazwischen, jenseits von Beliebigkeit und Fundamentalismus.

In diesem Dazwischen des alltäglichen Lebens, in diesem perseverierenden Einüben von Heimat und Bedeutung, suchen wir die eigene Selbst-Identität, den Glauben und die Rituale...









Eine Ballhaus Ost Produktion, Pappelallee 15, 10437 Berlin


* * *































* * *


Homöopathos. Dosis sucht Leidenschaft.


Von Manuel Scheidegger


Man könnte den Titel des Abends als eine bittere Glosse auf den Zusammenhang von Medizin und Theater lesen: Euthanasie für Euphorie - Tötet die Traurigen und die Welt wird fröhlicher. Was hier in die Groteske eines faschistischen Imperativs überformt wird, birgt strukturell gesehen nichts anderes als die typische Logik der Schulmedizin, das Schädliche zugunsten des Gesunden zu eliminieren. Und ebendiese Logik ist es, die das klassische Theater seit Aristoteles einstimmig fortsetzt: Die schlechten Leidenschaften zugunsten der guten reinigen zu wollen. Hygiene heißt Sauberkeit und Gesundheit in Einem. Foucault hat darauf insistiert, dass die moderne Medizin in paradigmatischer Weise eine Instanz der normativen Macht ist: Das Gesunde bleibt nur sauber, wenn es sich ein- und das Kranke ausgrenzt. Nicht einfach die Logik der Natur, sondern die Logik des von der Gesellschaft selbst produzierten Soll-Zustands bestimmt die Dialektik von Gesundheit und Schädlichkeit. Ebenso gilt auch von den im Theater negativ markierten Leidenschaften, dass sie aus dem Sperrbezirk des Bürgertums radiert werden sollen. Subjekte, die der Ruchlosigkeit und Hysterie anheim fallen, werden weggesperrt. Nur am Rande kann man bemerken, dass Goethe, Heroe der Deutschen Klassik, Schauspieler, die nicht den fest gesetzten Regeln der Darstellung von Leidenschaften folgten, selbst einsperren ließ. Die Geburten der Klinik und des Gefängnisses als hypermarkante Orte der gesellschaftlichen Disziplinierung, so könnte man vielleicht an Michel Foucault anknüpfen, haben ihre pränatale Codierung schon in den Anfängen der tragödischen Katharsis und deren Seelenhygiene.


Kein Wunder, dass, wer heute ein politischer Theatermacher sein kann, nicht mehr an dieses Theater anknüpfen will. Es ist der alte Vater jenes Monsters, das Adorno später mit dem Begriff der Kulturindustrie gegeißelt hat, eine Befestigungsstätte der Ideologie einer Herrschaft und ihrer Disziplinierung. Letztlich ein faschistisches Theater einer Euthanasie, die auf diejenigen Subjektivitäten zielt, die sich im allmächtigen Zwang des Gesunden selbst krank fühlen. Politisches Theater muss deshalb Lebensräume schaffen für diejenigen, die diese Aporie des richtigen Leben im Falschen ausagieren. Für ein solches Theater steht heute René Pollesch.


Pollesch verweigert das Theater als Medizin von anfang an. Er zieht mit Adorno und Foucault die Wurzel aus der Geschichte des Mediums und erklärt alle theatralen Heilmittel zu Gift. Jede Geschichte, jede Figur, jeder Song, jede Repräsentation ist imprägniert von den Wirkungen, welche die Gesellschaft damit injiziert. Die Chance zur Freiheit besteht erst in den Risiken und Nebenwirkungen, die jenseits des medizinisch-disziplinierenden Zugriffs liegen. Sie gilt es zu provozieren: In dem man das Gift in hohen Dosen konsumiert - als Droge. Die Polleschmenschen lallen erlöst im Rausch einer Sprache, die sich selber feiert. Es gibt hier keine gesunden und es gibt hier keine ungesunden Subjekte. Es gibt gar kein Subjekt.


Malte Schlösser ist unverkennbar ein Schüler des Meisters Pollesch. Aber wie jeder Schüler irgendwo dabei, die Schule des Älteren zu verlassen. Das lässt sich schon biographisch zeigen: Während Pollesch durch die Giessener Schule der radikalen Medizinkritik des Theatralen gegangen ist, hat Malte Philosophie studiert und nebenbei auch analytische Köperpsychotherapie gelernt und praktiziert. Malte kam spät zum Theater und geriet dann sofort an den Richtigen im Falschen: Pollesch, dessen Bruchstücke schon zweitausend Jahre Theatermedizingeschichte reflektieren. Jede Form der Subjektivität gilt diesem als ideologiegefährdet und unterwirft das Individuum einem Regel-Apparat ohne Entkommen. Die Pollesch-Abende zelebrieren deshalb Freiheit vom Zugriff jeder Norm. Wie lebt sich das aber? Im Ernst: Für welche Praktiken sind die von Pollesch viel beschworenen ‚Sehhilfen’, die er uns anbietet, geeignet? Der Therapeut, der im Regisseur dieses Abends steckt, wird zum Skeptiker an der Weisheit des Meisters: „Ich kann einfach nicht glauben, dass ich hier die größten Kunstanstrengungen bemühe, mir zehnmal Pollesch angucke und auch lernbereit bin und es nicht schaffe, die Geschichte des Ikonoklasmus, der Repräsentationskritik zu beenden.“


Kann ich Deinen Diskurs mal in den Mund nehmen? Klar, logisch, er hängt doch in der Luft. Aber da hängt er eins zu hoch! Vielleicht hat Pollesch mit seiner Radikalität einen Schritt über die Schwerkraft hinaus gemacht. Wer mit dem Hammer philosophiert, hinterlässt die Trümmer, die, sagt Nietzsche, es einer neuen Generation gilt, aufzulesen. Pollesch hat eine ganze Generation von Theatergängern befreit. Aber die Trümmerkinder, die zurückbleiben, müssen nun wieder IHR Leben beginnen. Wir sind das jenige Sein, das sein Leben zu leben hat. Es gibt eine bestimmte Unausweichlichkeit, sich in einer Subjektivität zu Hause fühlen zu lernen. Wir betreiben permanent Psychotherapie mit uns selber, wenn wir die Subjektivitätssplitter der Geschichten, Figuren, Songs und Repräsentationen zu unserer Identität zusammenklauben.


Der Witz ist, dass das manchmal zum Weinen ist. Hierin liegt die Aporie, die im Theater von Pollesch steckt. Ein Schauspieler kann dort nicht weinen. Pollesch misstraut jeder Form der Repräsentation. Es ist das alte Theaterparadox: Jemand, dem nicht zum Weinen zumute ist, tut auf der Bühne so, als ob er weint. Repräsentationalismus pur. Die Pollesch-Schauspieler schreien deshalb oder markieren ihr Weinen mit wehenden Fahnen als Zitat des Zitats. Das Drama desjenigen, der seine Identität bis zur Verzweiflung sucht, ist undarstellbar in diesem Kosmos. Aus dem Pathos des Einzelnen wird Pop für alle. 


Im Leben ist das anders. Im Leben ist Verzweiflung darstellbar. Ihre Darstellbarkeit ist gerade Bedingung der Möglichkeit ihres Geteiltseins mit Anderen. Die Selbstdarstellung ist sicher - hoffentlich - unendlich wandelbar, aber dennoch kommt das Selbst nur durch sie ins Erscheinen vor Anderen und damit zur Existenz. Das ist traurig, aber notwendig, also auch fröhlich. Es braucht ein bestimmtes Vertrauen in die Darstellung des Anderen. „Unsere Erfahrungen haben ein Recht auf uns.“ Ohne jemanden, der SICH getraut, SICH zu ihnen zu bekennen, hätte sie überhaupt nie jemand erfahren. Als irreduzibel Dargestelltes ist das Leben selbst theatral, oder es ist keins.


Die Hypothese dieses Abends liegt darin, dass man auch die Verzweiflung am richtigen Leben im Falschen auf der Bühne darstellen kann. Welche Dramatik hat das verzweifelte Suchen nach Identität in den Trümmern der Subjektivität? Aus der Tatsache, dass jede Form potentiell unfrei macht, folgt mitnichten, dass Freiheit nur außer aller Form zu bekommen ist. Similia similibus curentur. Ähnliches kann nur durch Ähnliches geheilt werden, sagt die Homöopathie. Das Drama mit dem Drama. Es kommt nur auf die richtige Dosis an.






























Eine Ballhaus Ost Produktion


Premiere: 17. Juni 2009, 20h

Weitere Vorstellungen: 19./ 20. / 26. / 27. Juni 09, 20h

Mit Nadine Dubois, Kristof Gerega, Simone Jaeger


Text und Regie: Malte Schlösser, Bühne: York Landgraf, Kamera: Madlen Wüst, Dramaturgische Mitarbeit: Manuel Scheidegger, Musik: Samuel Halscheidt, Videodesign: Pedro Pinto & Yvonne Mohr, Souffleuse: Judith Thimm, Regieassistenz: Teresa Lucia Rosenkrantz.

Tötet die Traurigen und die Welt wird fröhlicher!

Presse:
Tagesspiegel,
20.06.09Tagesspiegel.html